
Das Gefleckte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) ist eine faszinierende Frühlingspflanze, die einen raffinierten Farbcode für ihre Besucher entwickelt hat.
Allgemeines & Trivia
Die wunderschönen Blüten des Gefleckten Lungenkrauts läuten den Frühling ein. Das Nebeneinander von rosaroten und blauen Blüten auf derselben Pflanze haben dem Lungenkraut viele charmante Volksnamen eingebracht. In manchen Regionen kennt man es etwa als „Hänsel und Gretel“, „Adam und Eva“ oder „Brüderchen und Schwesterchen“.
Sein wissenschaftlicher Name Pulmonaria officinalis erzählt ebenfalls eine interessante Geschichte: Pulmonaria leitet sich vom lateinischen pulmo (Lunge) ab, da die weiß gefleckten Blätter an eine Lunge erinnern sollen. Der Zusatz officinalis verweist auf seine einstige Bedeutung als Heilpflanze. Dieser Begriff stammt vom lateinischen officina, womit ursprünglich die Werkstätten oder Laborräume von Apotheken gemeint waren, in denen Heilmittel hergestellt wurden. So trägt das Lungenkraut nicht nur eine farbenfrohe Blütenpracht, sondern auch ein Stück Volks- und Medizingeschichte in seinem Namen.
Merkmale
Das mehrjährige Gefleckte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) ist eine faszinierende Frühlingspflanze, die mit ihren markanten, eiförmigen und leicht borstigen Blättern mit weißen Flecken sofort ins Auge fällt. Mit einer Wuchshöhe von 15 bis 30 cm fühlt es sich in lichten Laub- und Mischwäldern besonders wohl. Die Funktion der Flecken ist ein kleines botanisches Rätsel: Manche vermuten, sie helfen bei der gezielten Transpiration, doch dies ist umstritten. Übrigens gibt es auch ungefleckte Verwandte, wie das Dunkle Lungenkraut (Pulmonaria obscura).
Ganz besonders bemerkenswert sind die farbwechselnden Blüten, die zwischen März und April erscheinen. Jede der fünfzähligen Blüten sitzt gemeinsam mit mehreren anderen Blüten auf einem Stiel und ist zunächst rötlich-rosa gefärbt. Doch mit der Zeit verändert sich ihre Farbe zu violett bis blau – ein Effekt, der durch den sich ändernden pH-Wert im Blütengewebe entsteht (rot = sauer, blau = basisch). Dieser Farbwechsel hat eine clevere Funktion: Die frischen, roten Blüten enthalten besonders viel Nektar und Pollen, was sie für bestäubende Insekten äußerst attraktiv macht. Die später blauen Blüten dagegen dienen als Fernsignal, das Hummeln, Schmetterlinge und fünf unterschiedliche Wildbienenarten aus der Distanz anlockt. Eine dieser fleißigen Bestäuberinnen ist die sehr seltene Lungenkraut-Mauerbiene (Osmia pilicornis), die ihren Namen dieser Pflanze verdankt.
Wirkungen & Anwendung
Schon im Mittelalter schätzte man das Gefleckte Lungenkraut als Heilpflanze – auch Hildegard von Bingen empfahl es. Nach der Signaturenlehre, die sinnlich erfassbare Pflanzenmerkmale mit ihrer Heilwirkung in Verbindung bringt, sollen die weiß gefleckten Blätter an Lungengewebe erinnern und folglich bei Lungenkrankheiten helfen. In der Volksheilkunde kommt das Lungenkraut dennoch zum Einsatz: Seine Schleimstoffe sollen lindernd bei Husten und gereizten Atemwegen wirken. Auch bei Heiserkeit, Durchfall und Blasenbeschwerden wird es traditionell in Form von Teeaufgüssen verwendet. Die Wirkungen konnten bis dato wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Zudem bleibt unklar, in welcher Menge die für Raublattgewächse typischen Pyrrolizidinalkaloide enthalten sind – also Stoffe, die in höheren Dosen potenziell gesundheitsschädlich sein können. Deshalb wird von einem langfristigen Gebrauch vorsichtigerweise abgeraten. Ich persönlich verwende das Lungenkraut nicht, auch weil es in meiner unmittelbaren Umgebung relativ selten zu finden ist und ich die wenigen Exemplare nicht gefährden möchte.
Abseits seiner heilkundlichen Nutzung ist der Frühblüher eine dankbare Pflanze für schattige Gärten und Balkone. Als Kalt- und Lichtkeimer sollte der Samen beim Anbau nur leicht in die Erde gedrückt werden, um erfolgreich zu keimen. Einfacher ist die Vermehrung durch Teilung des Wurzelstocks einer älteren Pflanze. Da unser heimisches Lungenkraut als sogenannter Hemikryptophyt direkt an der Erdoberfläche überwintert, benötigt es keine besonderen Schutzmaßnahmen für die kalte Jahreszeit. Das Lungenkraut ist also eine unkomplizierte Pflanze für naturnahe Gärten.



Quellen:
Erfahrung & Wissen basierend auf meiner Diplomausbildung,
Oberrath, R., & Böhning-Gaese, K. (1999). Floral color change and the attraction of insect pollinators in lungwort (Pulmonaria collina). Oecologia, 121(3), 383–391.
Oberrath, R., Zanke, C., & Böhning-Gaese, K. (1995). Triggering and ecological significance of floral color change in Lungwort (Pulmonaria spec.). Flora, 190, 155–159.
Wildbienenwelt
*Hinweis: Wenn ihr über diese Links bestellt, erhalte ich eine kleine Provision. Natürlich entstehen für euch dadurch keine Mehrkosten. Ich habe diese Bücher selbst gekauft und sie erscheinen hier nur auf, wenn ich sie auch wirklich empfehlen kann. Ich verlinke bewusst nicht auf Amazon.